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Information Information Das homöopathische Prinzip
Dr. med. Nikolaus Hock, Arzt für Psychiatrie
 
 
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Vortrag am Institut für Psychosymbolik (Frau Juana Danis) am 15.1.2005
 
Der Vortrag lautet "Das homöopathische Prinzip", das mir im Laufe der letzten 25 Jahre in Fleisch und Blut übergegangen ist.
 
Das Wort Homöopathie kommt aus dem Griechischen - homoios pathos – ähnliches Leiden. Das Wort Prinzip kommt aus dem Lateinischen – princeps caput –, was wörtlich übersetzt "der erste Kopf" bedeutet. Caput - Kopf ist wiederum eine Ableitung aus dem Verb capere, was "nehmen, in Besitz ergreifen" bedeutet. Der Princeps war früher derjenige, der bei der Kriegsbeute die erste Auswahl hatte. Unter dem homöopathischen Prinzip verstehen wir also Lehr- und Leitsätze, ohne die die Homöopathie kopflos und geistlos wäre, oder positiv ausgedrückt: Das Prinzip der Homöopathie ist das "qui primo capit", das, was einen an der Homöopathie zuerst ergreift: die Heilung nach deutlich einzugehenden Gründen = Prinzipien.
 
Die Homöopathie wurde von dem deutschen Arzt Christian Friedrich Samuel Hahnemann systematisch erforscht und entwickelt. Er wurde 1755 in Meißen geboren und starb 1843 in Paris. Ursprünglich studierte er Pharmazie und Medizin und er lebte zur Zeit Kants, Hegels und Goethes, der Deutschen Klassik und der Französischen Revolution.
Zur damaligen Zeit bestand eine ausgeprägte Polypragmasie in der Medizin. Es gab keine einheitlichen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, es gab unendlich viele Wanderärzte, Kurpfuscher und Quacksalber, die mit sehr individuellen Kräutergemischen versuchten, ihnen unbekannte Krankheiten zu behandeln, oft auf Kosten des Lebens des Patienten.
 
Der Ursprung der Homöopathie wird bis heute in Hahnemanns
berühmtem Chinarinden-Versuch gesehen.
 
Beispiel Nachdem in damaliger Zeit völlig unklar war, warum bestimmte Arzneimittel auf bestimmte Erkrankungen einen positiven Einfluss haben, las Hahnemann in einer Apothekerzeitschrift, dass die Wirkung der Chinarinde bei Malaria darin begründet sei, dass sie sehr bitter sei. Sie alle kennen die bittere Eigenschaft von China durch das Bitter Lemon von Schweppes. Da Hahnemann Zeit seines Lebens ein sehr kritischer, unduldsamer, autoritärer und wohl auch recht egozentrischer Geist war, glaubte er dieser Aussage nicht und nahm selbst einige Gran (Gramm) Chinarinde zu sich. Schon nach einigen Stunden bekam er starke drückende Kopfschmerzen, Fieberschübe, Schüttelfrost mit ausgeprägtem Schweißen sowie eine deutliche Erschöpfung und Schwäche. Da er natürlich über den medizinischen Gebrauch bei Malaria Bescheid wusste, erkannte er, dass er durch die Einnahme von Chinarinde Symptome von Malaria entwickelt hatte.
Aus dieser Beobachtung folgerte er, dass die Wirksamkeit von China bei Malaria nicht durch die Bitterstoffe in der Rinde begründet ist, sondern in der Provokation von malariaähnlichen Symptomen beim Gesunden, wenn er Chinarinde einnimmt.
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Der Selbstversuch Hahnemanns mit Chinarinde in Ursubstanz (homöopathisch spricht man von Urtinktur) war zugleich die erste reine Arzneimittelprüfung = AMP. Rein meint hier, dass die Substanz zunächst beim Gesunden und nicht beim Patienten angewendet wurde.
 
Nach jahrelangen, ausführlichen Prüfungen an Gesunden und Kranken postulierte Hahnemann also das fundamentale und im Grunde einzige homöopathische Prinzip:
 
• SIMILIA SIMILIBUS CURENTUR : Ähnliches möge durch Ähnliches behandelt werden.
 
Dies steht im deutlichen Gegensatz zum allopathischen Prinzip:
 
• CONTRARIA CONTRARIIS CURENTUR : Gegensätzliches möge durch Gegensätzliches behandelt werden.
 
Das Wort "allos" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "anders, fremd", im Lateinischen "aluid"; das deutsche Wort "Elend" wird auf diese Wurzel zurückgeführt, auch das Wort "Ausland". Allopathie bedeutet also elendes, fremdes, andersartiges Leiden.
 
Den prinzipiellen Unterschied dieser beiden Grundannahmen, Krankheiten durch Ähnliches oder Andersartiges zu heilen, möge folgendes Beispiel illustrieren:
 
Beispiel Wie soll man Erfrierungen bzw. Verbrennungen behandeln? Wir alle haben irgendwann einmal gehört, dass man bei Erfrierungen die erfrorenen Gliedmaßen mit Schnee einreiben soll.
Eine zu starke Erwärmung z.B. mit warmem bis heißem Wasser würde die ohnehin vorhandenen Durchblutungsstörungen noch mehr verschlimmern und könnte eventuell zu einem zentralen Kreislaufversagen führen. Also wird das schädigende Agens, nämlich Kälte, durch Schnee = Kälte neutralisiert. Erwärmung würde zu einer sog. Erstverbesserung mit konsekutiver Verschlimmerung führen.
Bei Verbrennungen würde jeder instinktiv ebenfalls kaltes Wasser auf die verbrannte Stelle laufen lassen. Dies erscheint aber systematisch nicht plausibel. Warum sollte man sowohl bei Erfrierungen als auch bei Verbrennungen die gleiche Methode (Kältezufuhr) als Therapie anwenden? Sinnvollerweise sollten Verbrennungen mit warmem Wasser behandelt werden. Auf diese Art und Weise kann die lokale Hitze über eine gesteigerte Zirkulation über den Körper abgeführt werden.
Oberflächliche Verbrennungen 1. Grades können dadurch nicht in die Tiefe des Gewebes gehen und zu Verbrennungen 2. oder 3. Grades mit Gewebszerstörungen (= Nekrosen) führen. Bei lokaler Zuführung von Kälte, was zu Gefäßverengung (Vasokonstriktion) führt, ist das Nekroserisiko wesentlich höher. Wärmezufuhr bei Verbrennungen führt zu einer akuten Erstverschlimmerung mit konsekutiver Verbesserung.
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Ein sehr früher Hinweis auf dieses Heilgesetz (das Simileprinzip) ist in der Sage vom Kampf um Troja (ca. 2000 v. Chr.) zu finden. Im Kampf verletzt Achill den mysischen König Telephos mit seinem Speer an der Flanke, die Wunde wird schmerzhaft und heilt nicht. Kein Mittel hilft. Das Orakel des Heilgottes Apoll wird befragt und antwortet: "Nur der Speer, der die Wunde geschlagen hat, vermag sie zu heilen." Achill gibt seinen Speer den Ärzten, die Späne von der Klinge feilen und sie auf die eiternde Wunde streuen. In wenigen Stunden ist die Wunde geheilt.
 
Im Vorwort zum Organon der Heilkunde, das 1810 zum erstenmal erschien, schreibt Hahnemann also: "Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann, als sie heilen soll."
 
Dies, und nur dies, ist das HOMÖOPATHISCHE PRINZIP.
 
Noch zwei psychologisch interessante Beispiele von Hahnemann zur Illustration des Ähnlichkeitsprinzips als Lebensprinzip:
 
Beispiel Wie kann der im Felde furchterregende ferne Donner der feindlichen Kanonen verdrängt werden? Durch das tief erbebende Brummen der großen Trommel!
 
Beispiel "Und es wird auch Trauer und Gram durch einen neuen, stärkeren jemand anderem begegnetem Trauerfall, sei er auch nur erdichtet, oft im Gemüte ausgelöscht."
 
Die Homöopathen gehen davon aus, dass sich jede Erkrankung nur in den jeweils vorliegenden individuellen, spezifischen und charakteristischen Symptomen – Symptom = Zufall – des Patienten ausdrückt.
 
Beispiel Zitat: "Im gesunden Zustand des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organismus) belebende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt, und hält alle seine Teile in bewundernswürdig, harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Tätigkeiten." (Organon § 9)
 
Die Lebenskraft ist also der Grund, warum Menschen nicht durch jede virale oder bakterielle Infektion erkranken, warum häufig außerordentlich widrige Lebensumstände, Schicksalsschläge oder Bedrohungen nicht zu Krankheitssymptomen führen. Es wird dabei keine Unterscheidung zwischen körperlichen oder psychischen Erkrankungen getroffen. Eine Mandelentzündung kann ebenso eine Folge von Kummer sein, wie ein Hautausschlag oder eine Depression.
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Die Homöopathen haben nämlich nicht den Anspruch, Krankheiten erklären zu wollen, es gibt auch keine theoretische Krankheit ohne den jeweiligen kranken Patienten, sondern nur Symptome, die symbolisch auf die imaginäre Verstimmung der Lebenskraft deuten.
 
Die realen Symptome sind ein symbolischer Hinweis auf die Verstimmung der imaginären Lebenskraft und das Heilmittel. Die individuellen Symptome des Patienten werden im Rahmen einer ausführlichen und geduldigen Anamnese exploriert und durch eine genaue Verhaltensbeobachtung sowie die körperliche Untersuchung ergänzt. Der Arzt soll dabei keine eigenen, subjektiven Vorstellungen und Meinungen einbringen. Er muss nur geduldig und unbefangen zuhören und beobachten, ähnlich der frei flottierenden Aufmerksamkeit in der Psychoanalyse.
 
In der Homöopathie werden Naturstoffe (Pflanzen, Mineralien, Tiergifte, Metalle) und auch chemische Stoffe beim Gesunden geprüft, das Vorgehen ist dabei ähnlich wie beim Chinarinden-Versuch von Hahnemann. Die bei der Arzneimittelprüfung entstandenen Symptome werden in der sogenannten Materia Medica zusammengefasst. Darunter versteht man die vielen Symptome, die bei den einzelnen Prüfern während der Arzneimittelprüfung aufgetreten sind.
 
Tierversuche werden dadurch übrigens überflüssig. Tierversuche – ein reiner Euphemismus, da die Versuche zu 99% mit dem Tod des Tieres enden – sind auch aus einem anderen Grund nicht sinnvoll: Die Hauptsymptome werden wie oben beschrieben und in der Anamnese erhoben. Anamnese heißt: "Erinnern und Erzählen der Krankheitsgeschichte". Und Tiere sprechen eben nicht. Trotzdem können sie übrigens sehr gut homöopathisch behandelt werden, da Verhaltensbeobachtungen und Untersuchungen ebenfalls wertvolle Symptome geben können.
 
Nach der ausführlichen und sorgfältigen Anamnese, die im Schnitt ein bis zwei Stunden dauert, werden die individuellen, auffälligen und charakteristischen Symptome des Patienten mit den entsprechenden Symptomen aus der Materia Medica verglichen. Nach Maßgabe der Symptomenähnlichkeit (Simileprinzip) wird das passende Mittel gesucht.
 
Mittlerweile gibt es etwa 2.500 gut geprüfte homöopathische Arzneimittel, während der Zeit Hahnemanns gab es etwa 150. Dies macht die Auswahl naturgemäß schwieriger als vor 200 Jahren.
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Ein Patient, der sich in homöopathische Behandlung begibt, hat wesentliche Vorteile: Der Arzt muss ihm zuhören, da nur durch eine ausführliche und sorgfältige Anamnese die wesentlichen Krankheitssymptome gefunden werden können. Scheinbar objektive, technische Daten spielen nicht die wesentliche Rolle.
 
Der Patient ist mit seiner Krankheit nicht allein. Im Arzneimittelschatz der Homöopathie sind fast alle Krankheitssymptome der Patienten a priori schon aufgelistet. Es besteht eine sichere Referenz durch die in den Arzneimittelprüfungen entstandenen Symptome.
 
Der Patient muss also nicht kapitulieren vor einer imaginären Bakterienhorde in Lunge oder Blase bei Entzündungen; er wird nicht als unfähig diagnostiziert, selbst fertig zu werden mit einem nie objektiv nachgewiesenen Neurotransmitterdefekt im Gehirn bei Depressionen oder Psychosen. Die allopathische Behandlung, die in vielen Fällen – nach der Kapitulation vor der Diagnose – auch wirksam sein kann, entfremdet den Patienten von seinen Symptomen und macht ihn abhängig von der Medikation. Aber Kapitulieren ist oft, vielleicht nicht immer, besser als der Tod.
 
Das homöopathische Prinzip verlangt dagegen, individuelle Krankheitssymptome des jeweiligen Patienten in Einklang mit schon vorher gefundenen, allgemeingültigen Symptomen von Arzneimittelprüfungen zu bringen, sie gleichsam mit dem Gesunden zu verknüpfen.
 
Der Patient findet wieder seine Heimat und kehrt zurück aus dem Aliud/Allos, dem elenden Ausland der Krankheit, ohne dass die Reise künstlich unterdrückt wurde. Denn Reisen bildet. Und nach überstandener Krankheit ist der Patient oft gesünder als vorher und entwickelt sich.
 
Und nur dann gelingt das, was Hahnemann in § 1und 2 des Organon feststellt:
 
§ 1:"Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt."
§ 2:"Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen."
 
Also dem homöopathischen Prinzip.
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