| Zur damaligen Zeit bestand eine ausgeprägte
Polypragmasie in der Medizin. Es gab keine einheitlichen
Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, es gab unendlich
viele Wanderärzte, Kurpfuscher und Quacksalber, die
mit sehr individuellen Kräutergemischen versuchten,
ihnen unbekannte Krankheiten zu behandeln, oft auf Kosten
des Lebens des Patienten. |
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Der Ursprung der Homöopathie
wird bis heute in Hahnemanns
berühmtem Chinarinden-Versuch gesehen. |
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Nachdem in damaliger Zeit völlig
unklar war, warum bestimmte Arzneimittel auf bestimmte
Erkrankungen einen positiven Einfluss haben, las
Hahnemann in einer Apothekerzeitschrift, dass die
Wirkung der Chinarinde bei Malaria darin begründet
sei, dass sie sehr bitter sei. Sie alle kennen die
bittere Eigenschaft von China durch das Bitter Lemon
von Schweppes. Da Hahnemann Zeit seines Lebens ein
sehr kritischer, unduldsamer, autoritärer und
wohl auch recht egozentrischer Geist war, glaubte
er dieser Aussage nicht und nahm selbst einige Gran
(Gramm) Chinarinde zu sich. Schon nach einigen Stunden
bekam er starke drückende Kopfschmerzen, Fieberschübe,
Schüttelfrost mit ausgeprägtem Schweißen
sowie eine deutliche Erschöpfung und Schwäche.
Da er natürlich über den medizinischen
Gebrauch bei Malaria Bescheid wusste, erkannte er,
dass er durch die Einnahme von Chinarinde Symptome
von Malaria entwickelt hatte. |
| Aus dieser Beobachtung folgerte
er, dass die Wirksamkeit von China bei Malaria nicht
durch die Bitterstoffe in der Rinde begründet
ist, sondern in der Provokation von malariaähnlichen
Symptomen beim Gesunden, wenn er Chinarinde einnimmt. |
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| Der Selbstversuch Hahnemanns mit
Chinarinde in Ursubstanz (homöopathisch spricht man
von Urtinktur) war zugleich die erste reine Arzneimittelprüfung
= AMP. Rein meint hier, dass die Substanz zunächst
beim Gesunden und nicht beim Patienten angewendet wurde. |
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| Nach jahrelangen, ausführlichen
Prüfungen an Gesunden und Kranken postulierte Hahnemann
also das fundamentale und im Grunde einzige homöopathische
Prinzip: |
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| • SIMILIA SIMILIBUS
CURENTUR : Ähnliches möge durch Ähnliches
behandelt werden. |
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| Dies steht im deutlichen Gegensatz zum
allopathischen Prinzip: |
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| • CONTRARIA CONTRARIIS
CURENTUR : Gegensätzliches möge durch Gegensätzliches
behandelt werden. |
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| Das Wort "allos" kommt
aus dem Griechischen und bedeutet "anders, fremd",
im Lateinischen "aluid"; das deutsche Wort "Elend"
wird auf diese Wurzel zurückgeführt, auch das
Wort "Ausland". Allopathie bedeutet also elendes,
fremdes, andersartiges Leiden. |
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| Den prinzipiellen Unterschied dieser
beiden Grundannahmen, Krankheiten durch Ähnliches
oder Andersartiges zu heilen, möge folgendes Beispiel
illustrieren: |
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Wie soll man Erfrierungen bzw. Verbrennungen
behandeln? Wir alle haben irgendwann einmal gehört,
dass man bei Erfrierungen die erfrorenen Gliedmaßen
mit Schnee einreiben soll. |
| Eine zu starke Erwärmung z.B.
mit warmem bis heißem Wasser würde die
ohnehin vorhandenen Durchblutungsstörungen
noch mehr verschlimmern und könnte eventuell
zu einem zentralen Kreislaufversagen führen.
Also wird das schädigende Agens, nämlich
Kälte, durch Schnee = Kälte neutralisiert.
Erwärmung würde zu einer sog. Erstverbesserung
mit konsekutiver Verschlimmerung führen. |
| Bei Verbrennungen würde jeder
instinktiv ebenfalls kaltes Wasser auf die verbrannte
Stelle laufen lassen. Dies erscheint aber systematisch
nicht plausibel. Warum sollte man sowohl bei Erfrierungen
als auch bei Verbrennungen die gleiche Methode (Kältezufuhr)
als Therapie anwenden? Sinnvollerweise sollten Verbrennungen
mit warmem Wasser behandelt werden. Auf diese Art
und Weise kann die lokale Hitze über eine gesteigerte
Zirkulation über den Körper abgeführt
werden. |
| Oberflächliche Verbrennungen
1. Grades können dadurch nicht in die Tiefe
des Gewebes gehen und zu Verbrennungen 2. oder 3.
Grades mit Gewebszerstörungen (= Nekrosen)
führen. Bei lokaler Zuführung von Kälte,
was zu Gefäßverengung (Vasokonstriktion)
führt, ist das Nekroserisiko wesentlich höher.
Wärmezufuhr bei Verbrennungen führt zu
einer akuten Erstverschlimmerung mit konsekutiver
Verbesserung. |
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| Ein sehr früher Hinweis auf
dieses Heilgesetz (das Simileprinzip) ist in der Sage
vom Kampf um Troja (ca. 2000 v. Chr.) zu finden. Im Kampf
verletzt Achill den mysischen König Telephos mit
seinem Speer an der Flanke, die Wunde wird schmerzhaft
und heilt nicht. Kein Mittel hilft. Das Orakel des Heilgottes
Apoll wird befragt und antwortet: "Nur der Speer,
der die Wunde geschlagen hat, vermag sie zu heilen."
Achill gibt seinen Speer den Ärzten, die Späne
von der Klinge feilen und sie auf die eiternde Wunde streuen.
In wenigen Stunden ist die Wunde geheilt. |
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| Im Vorwort zum Organon der Heilkunde,
das 1810 zum erstenmal erschien, schreibt Hahnemann also:
"Wähle, um sanft,
schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle
eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für
sich erregen kann, als sie heilen soll." |
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| Dies, und nur dies, ist das HOMÖOPATHISCHE
PRINZIP. |
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| Noch zwei psychologisch interessante
Beispiele von Hahnemann zur Illustration des Ähnlichkeitsprinzips
als Lebensprinzip: |
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Wie kann der im Felde furchterregende
ferne Donner der feindlichen Kanonen verdrängt
werden? Durch das tief erbebende Brummen der großen
Trommel! |
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"Und es wird auch Trauer und
Gram durch einen neuen, stärkeren jemand anderem
begegnetem Trauerfall, sei er auch nur erdichtet,
oft im Gemüte ausgelöscht." |
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| Die Homöopathen gehen davon
aus, dass sich jede Erkrankung nur in den jeweils vorliegenden
individuellen, spezifischen und charakteristischen Symptomen
– Symptom = Zufall – des Patienten ausdrückt. |
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Zitat:
"Im gesunden Zustand des Menschen waltet die
geistartige, als Dynamis den materiellen Körper
(Organismus) belebende Lebenskraft (Autokratie)
unumschränkt, und hält alle seine Teile
in bewundernswürdig, harmonischem Lebensgange
in Gefühlen und Tätigkeiten." (Organon
§ 9) |
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| Die Lebenskraft ist also der Grund,
warum Menschen nicht durch jede virale oder bakterielle
Infektion erkranken, warum häufig außerordentlich
widrige Lebensumstände, Schicksalsschläge oder
Bedrohungen nicht zu Krankheitssymptomen führen.
Es wird dabei keine Unterscheidung zwischen körperlichen
oder psychischen Erkrankungen getroffen. Eine Mandelentzündung
kann ebenso eine Folge von Kummer sein, wie ein Hautausschlag
oder eine Depression. |
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| Die Homöopathen haben nämlich
nicht den Anspruch, Krankheiten erklären zu wollen,
es gibt auch keine theoretische Krankheit ohne den jeweiligen
kranken Patienten, sondern nur Symptome, die symbolisch
auf die imaginäre Verstimmung der Lebenskraft deuten. |
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| Die realen Symptome sind ein symbolischer
Hinweis auf die Verstimmung der imaginären Lebenskraft
und das Heilmittel. Die individuellen Symptome des Patienten
werden im Rahmen einer ausführlichen und geduldigen
Anamnese exploriert und durch eine genaue Verhaltensbeobachtung
sowie die körperliche Untersuchung ergänzt.
Der Arzt soll dabei keine eigenen, subjektiven Vorstellungen
und Meinungen einbringen. Er muss nur geduldig und unbefangen
zuhören und beobachten, ähnlich der frei flottierenden
Aufmerksamkeit in der Psychoanalyse. |
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| In der Homöopathie werden Naturstoffe
(Pflanzen, Mineralien, Tiergifte, Metalle) und auch chemische
Stoffe beim Gesunden geprüft, das Vorgehen ist dabei
ähnlich wie beim Chinarinden-Versuch von Hahnemann.
Die bei der Arzneimittelprüfung entstandenen Symptome
werden in der sogenannten Materia
Medica zusammengefasst. Darunter versteht man die
vielen Symptome, die bei den einzelnen Prüfern während
der Arzneimittelprüfung aufgetreten sind. |
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| Tierversuche werden dadurch übrigens
überflüssig. Tierversuche – ein reiner
Euphemismus, da die Versuche zu 99% mit dem Tod des Tieres
enden – sind auch aus einem anderen Grund nicht
sinnvoll: Die Hauptsymptome werden wie oben beschrieben
und in der Anamnese erhoben. Anamnese
heißt: "Erinnern und Erzählen der Krankheitsgeschichte".
Und Tiere sprechen eben nicht. Trotzdem können sie
übrigens sehr gut homöopathisch behandelt werden,
da Verhaltensbeobachtungen und Untersuchungen ebenfalls
wertvolle Symptome geben können. |
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| Nach der ausführlichen und sorgfältigen
Anamnese, die im Schnitt ein bis zwei Stunden dauert,
werden die individuellen, auffälligen und charakteristischen
Symptome des Patienten mit den entsprechenden Symptomen
aus der Materia Medica verglichen. Nach Maßgabe
der Symptomenähnlichkeit (Simileprinzip) wird das
passende Mittel gesucht. |
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| Mittlerweile gibt es etwa 2.500 gut
geprüfte homöopathische Arzneimittel, während
der Zeit Hahnemanns gab es etwa 150. Dies macht die Auswahl
naturgemäß schwieriger als vor 200 Jahren. |
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| Ein Patient,
der sich in homöopathische Behandlung begibt, hat
wesentliche Vorteile: Der Arzt muss ihm zuhören,
da nur durch eine ausführliche und sorgfältige
Anamnese die wesentlichen Krankheitssymptome gefunden
werden können. Scheinbar objektive, technische Daten
spielen nicht die wesentliche Rolle. |
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| Der Patient ist mit seiner Krankheit nicht allein. Im Arzneimittelschatz der Homöopathie sind fast alle Krankheitssymptome der Patienten a priori schon aufgelistet. Es besteht eine sichere Referenz durch die in den Arzneimittelprüfungen entstandenen Symptome. |
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| Der Patient muss also nicht kapitulieren vor einer imaginären Bakterienhorde in Lunge oder Blase bei Entzündungen; er wird nicht als unfähig diagnostiziert, selbst fertig zu werden mit einem nie
objektiv nachgewiesenen Neurotransmitterdefekt im Gehirn bei Depressionen oder Psychosen. Die allopathische Behandlung, die in vielen Fällen – nach der Kapitulation vor der Diagnose – auch wirksam sein kann, entfremdet
den Patienten von seinen Symptomen und macht ihn abhängig von der Medikation. Aber Kapitulieren ist oft, vielleicht nicht immer, besser als der Tod. |
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| Das homöopathische Prinzip verlangt dagegen, individuelle Krankheitssymptome des jeweiligen Patienten in Einklang mit schon vorher gefundenen, allgemeingültigen Symptomen von Arzneimittelprüfungen zu bringen, sie gleichsam mit dem Gesunden zu verknüpfen. |
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| Der Patient findet wieder seine Heimat und kehrt zurück aus dem Aliud/Allos, dem elenden Ausland der Krankheit, ohne dass die Reise künstlich unterdrückt wurde. Denn Reisen bildet. Und nach überstandener Krankheit ist der Patient oft gesünder als vorher und entwickelt sich. |
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| Und nur dann gelingt das, was Hahnemann in § 1und 2 des Organon feststellt: |
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| § 1: | "Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt." |
| § 2: | "Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen." | |
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| Also dem homöopathischen Prinzip. |